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22.03 - 24.03.2022
Dauer: 3 Tage
Virtuell
2015 Teilnehmende

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Der Kongress Armut und Gesundheit schafft seit 1995 ein kontinuierliches Problembewusstsein für gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland. An drei Veranstaltungstagen tauschen sich Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Praxis und Selbsthilfe zu Themen gesundheitlicher Ungleichheit aus. Aktuelle Forschungsergebnisse werden ebenso diskutiert und vertieft wie neue Strategien, Lösungsansätze und Erfahrungen. Die vergangenen Kongresse haben bereits eine Vielzahl neuer Kooperationen auf den Weg gebracht und Entwicklungen und Diskussionen angestoßen.

Mit dem Engagement aller Akteur*innen und Teilnehmenden des Kongresses erfährt eine heterogene Gruppe von Menschen eine Lobby, die oftmals wenig Unterstützung erhält.

Kongressprogramm

"Runder Tisch" zur gesundheitlichen Versorgung wohnungsloser Menschen

H1 - Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik III

11:00 - 12:30

An diesem virtuellen runden Tisch finden sich Akteur*innen zusammen und diskutieren zur Situation der gesundheitlichen Versorgung wohnungsloser Menschen. Kommen Sie gerne dazu und diskutieren Sie mit.

Soziale und gesundheitliche Lage Wohnungsloser in Berlin: Erste Ergebnisse einer retrospektiven Sekundärdatenanalyse

Wohnungslose Menschen stellen eine höchst vulnerable Bevölkerungsgruppe dar, auch in Hinblick auf ihre Gesundheit. Ziel des Vortrages ist es, die soziale und gesundheitliche Situation wohnungsloser Menschen in Berlin näher zu charakterisieren.

Die Daten werden basierend auf einer anonymisierten retrospektiven Vollerhebung sozialanamnestischer und medizinischer Daten aus dem Projekt „Gesundheit Wohnungsloser in Berlin. Eine retrospektive Bestandsaufnahme im Gesundheitszentrum für Obdachlose der Jenny De la Torre Stiftung im Zeitraum 2006 bis 2020“ präsentiert und diskutiert. Die Datenauswertung erfolgt deskriptiv.

Im Rahmen des Vortrages werden deskriptive Ergebnisse von voraussichtlich N = 2.500 Patient*innenakten präsentiert. Stand August 2021 waren die Patient*innen im Mittel 41,2 Jahre alt. 78,7% der Patient*innen waren männlich und im Durchschnitt seit 3,7 Jahren wohnungslos. Schulden (18,9%), Haft (15,3%) und Scheidung (14,5%) stellen die häufigsten Gründe für die Wohnungslosigkeit dar. 24,5% der Patient*innen gab an aktuell auf der Straße zu leben, 23% gab an in Notunterkünften und 14% bei Bekannten zu schlafen. 59,1% aller Patient*innen gab an, dass eine Alkoholsucht und 34% dass eine Drogensucht vorliegt. Die drei häufigsten Behandlungsdiagnosen in waren die Akute Infektionen der oberen Atemwege (14,7%), Dermatophytose (11,9%) und Skabies (12,4%).

Die Ergebnisse geben Einblicke in die gesundheitliche Situation, die Versorgungsbedarfe sowie die Inanspruchnahme von medizinischer Versorgung von wohnungslosen Menschen und liefern wichtige sozial- und gesundheitspolitische Impulse. Ergebnisse sowie Limitationen sollen im Rahmen des Vortrages ausführlich diskutiert werden.

Wohnungslose Menschen in Berlin – viele Infektionen, hoher Versorgungsbedarf

In Deutschland existieren kaum Daten dazu, wie häufig Infektionskrankheiten unter wohnungslosen Menschen unerkannt und unbehandelt bleiben.

Von Mai bis Juni 2021 wurde durch ein multidisziplinäres Team die POINT-Studie, eine Querschnittsstudie in Kooperation mit fünf niedrigschwelligen medizinischen Einrichtungen in Berlin durchgeführt. Teilnehmende wurden zu Infektionsrisiken und Zugangsbarrieren zur Gesundheitsversorgung befragt. Blut- und Urinproben wurde im Labor auf sexuell und blutübertragbare Infektionskrankheiten getestet. Die Akzeptanz und Machbarkeit des Studiendesigns wurde in Fokusgruppen (Teilnehmende, Studienteam, Einrichtungen) evaluiert.

Insgesamt wurden 223 Teilnehmende rekrutiert und befragt; 220 bzw. 203 gaben Blut- bzw. Urinproben ab. 88% waren männlich, 64% zwischen 30 und 49 Jahre alt und 73 % wurden außerhalb Deutschlands geboren. 58 % waren nicht krankenversichert. Eine virämische Hepatitis-C-Infektion wurde bei 16 % der Blutproben diagnostiziert (Erstdiagnose bei 37%), eine HIV-Infektion bei 2,7 % (3 von 6 waren nicht in antiretroviraler Behandlung), und 54,7 % waren nicht gegen Hepatitis B geimpft. 3% hatten eine Chlamydien-Infektion, 2% eine Gonorrhö und 1% eine aktive Syphilis-Infektion.

Die POINT-Pilotstudie zeigte einen erheblichen ungedeckten Bedarf an niedrigschwelligen Test-, Behandlungs- und Präventionsangeboten von Infektionskrankheiten für wohnungslose Menschen in Berlin auf. Die Studie wurde von den Teilnehmenden gut angenommen und sollte auf nationaler Ebene ausgeweitet werden, um möglichst aussagekräftige Daten für eine bessere Versorgung zu erhalten.

Teilhabebarrieren ‚Sucht‘ und ‚psychische Erkrankung‘ in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen überwinden

Suchtkranke Wohnungslose leiden unter multiplen sozialen Problemen. Langzeitarbeitslosigkeit, fehlende familiäre Netze, Überschuldung und justizielle Schwierigkeiten kumulieren zu einer Spirale der Exklusion.
Der Zugang zum allg. Wohnungs- und Arbeitsmarkt bleibt ihnen faktisch verwehrt. Ihre Mortalitätsrate ist hoch.
Meist gelingt den Betroffenen die Nutzung des Suchthilfesystems nicht. Doch erst der Zugang zu (sucht-)medizinischen Hilfen ermöglicht die Realisierung von Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.

Die Teilhabe suchtkranker Wohnungsloser ist Auftrag und Ziel des Sucht-Hilfe-Zentrums Vielbach.
Nonkonforme therapeutische Interventionen und Hilfen sowie ein naturgestützter, gendersensibler Therapieansatz bereiten den meist entwurzelten Patienten den Weg zu einem gelingenden Neuanfang. Bundesweit einmalig: die Garantie, am Ende der Rehabilitation nicht mehr in die Wohnungslosigkeit entlassen zu werden.

Den Suchtmittelkonsum von wohnungslosen, chronisch Suchtkranken zu akzeptieren („Laissez-faire“) ohne zu helfen bekommt den Charakter von „betreuter Elendsverwaltung“. Die gravierende Beeinträchtigung von Teilhabe, Gesundheit und Lebensdauer bei den Betroffenen gebietet ein konzertiertes Handeln aller Helfer um Zugangsbarrieren zum Sucht-Hilfesystem mit Beharrlichkeit und Kreativität zu beseitigen.
Mit der Vielbacher „Teilhabe-Initiative für abhängigkeitskranke Wohnungslose“ ist es gelungen, Politik, Wissenschaft, Sucht- und Wohnungslosenhilfe für ein gemeinsames Engagement gegen Ausgrenzung zu gewinnen.

Helfer sollten Suchtkranken so beständig Hilfe anbieten, wie sie es sich wünschten, wären sie selbst Betroffene.

Wohnungslose Menschen mit psychischen Erkrankungen

In der Sprache belasteter und ratloser Hilfesysteme gelten wohnungslose Menschen mit (unbehandelten) psychischen Erkrankungen als "Systemsprenger". Fehlende Krankheitseinsicht, "compliance" und Veränderungsbereitschaft machen sie zu "hoffnungslosen" Fällen – auch für die öffentliche Unterbringung. Kommunen stehen seit Beginn der Corona-Pandemie unter erhöhtem Druck, adäquate Unterbringungslösungen für Menschen zu entwickeln, die nicht ungeschützt auf der Straße leben sollen, Gemeinschaftsunterbringung aber nicht aushalten.

Vor dem Hintergrund abgeschlossener und noch laufender Evaluationsstudien diskutiert der GISS-Beitrag Anforderungen an die öffentliche Versorgung und Unterbringung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Er greift auch auf Ergebnisse einer aktuellen NRW-Studie zurück: In der ersten Juliwoche 2021 wurden in NRW fast 2000 auf der Straße und in verdeckter Wohnungslosigkeit lebende Menschen befragt, die vom Unterbringungssystem nicht erreicht wurden, u.a. zu ihrem Gesundheitszustand.

Die Unterbringungsverpflichtung gegenüber wohnungslosen psychisch kranken Menschen zu erfüllen, stellt Kommunen vor besondere Anforderungen. Eine menschenwürdige Notunterbringung ist in ihren Fällen ohne eine gesundheitliche Grundversorgung und spezifische Schutzkonzepte nicht denkbar.

"Systemsprenger" zeigen Grenzen bestehender Versorgungsangebote auf. Sie auszuschließen, hieße ihre Menschenwürde missachten. Zu fragen ist, wie sich Systeme und Schutzkonzepte gegen "Sprengung" befestigen lassen, z.B. durch variable und veränderbare Settings.

Themenfelder
  • Wohnungslosigkeit
Sprecher*innen
Daniela Radlbeck
Der Paritätische Berlin
Sabine Bösing
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.
Dr. Daniel Schindel
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissen
Dr.in Caoimhe Cawley
Robert Koch-Institut
Joachim J. Jösch
Fachkrankenhaus Vielbach
Jutta Henke
GISS e.V. Bremen
Prof. Dr. Volker Busch-Geertsema
GISS e.V. Bremen

Foto aus dem Lichthof an der TU Berlin

Foto: André Wagenzik