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22.03 - 24.03.2022
Dauer: 3 Tage
Virtuell
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Der Kongress Armut und Gesundheit schafft seit 1995 ein kontinuierliches Problembewusstsein für gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland. An drei Veranstaltungstagen tauschen sich Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Praxis und Selbsthilfe zu Themen gesundheitlicher Ungleichheit aus. Aktuelle Forschungsergebnisse werden ebenso diskutiert und vertieft wie neue Strategien, Lösungsansätze und Erfahrungen. Die vergangenen Kongresse haben bereits eine Vielzahl neuer Kooperationen auf den Weg gebracht und Entwicklungen und Diskussionen angestoßen.

Mit dem Engagement aller Akteur*innen und Teilnehmenden des Kongresses erfährt eine heterogene Gruppe von Menschen eine Lobby, die oftmals wenig Unterstützung erhält.

Kongressprogramm

Gesundheitliche Auswirkungen der Unterbringung gefl├╝chteter Menschen: Mehr als nur die Unterkunft

H2 - Lebenswelten II

09:00 - 10:30

Der Wohnkontext ist ein wichtiger Faktor von Gesundheit. Trotzdem existieren für die Unterbringung geflüchteter Menschen in Deutschland keine flächendeckenden, verbindlichen Mindeststandards. Dieser Beitrag präsentiert gesundheitswissenschaftliche Evidenz zum Zusammenhang zwischen der Unterbringung und Gesundheit geflüchteter Menschen, um einen Austausch mit Akteur*innen aus der Praxis, Wissenschaft und Politik zu generieren und praktische Implikationen zu diskutieren.

Ergebnisse von qualitativen und quantitativen Studien aus den Projekten RESPOND (www.respond-study.org), NEXUS (www.nexus-study.org) und PROREF I (Teilprojekte der Forschungsgruppe PH-LENS) werden vorgestellt. Diese untersuchen die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Wohnkontext und Gesundheit bei geflüchteten Menschen. Dabei werden Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet.

Materielle, aber auch psychosoziale und räumlich-geographische Unterbringungsaspekte wirken sich auf die Gesundheit geflüchteter Menschen aus und bedürfen einer systematischen Erfassung und Sichtbarmachung. Inadäquate Wohnbedingungen tragen auf vielfältige Weise zu sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten dieser Gruppe bei, gleichwohl es sich um modifizierbare Faktoren handelt. Die Unterbringung in kleinen, abschließbaren und dezentralen Wohneinheiten ist empfohlen.

Die präsentierten Ergebnisse und Handlungsempfehlungen sollen mit Erfahrungen aus der Praxis abgeglichen werden, um i) die Umsetzung relevanter Handlungsempfehlungen und ii) die engere Verknüpfung von Wissenschaft, Politik und Praxis zu diesem Thema zu diskutieren.

Gesundheitlich relevante Aspekte von Sammelunterkünften für geflüchtete Menschen

Es werden materielle, psychosoziale und räumlich-geografische Aspekte der Unterbringung und deren Einfluss auf die Gesundheit Geflüchteter vorgestellt. Die Ergebnisse stammen aus einer Analyse qualitativer Interviews mit Asylsuchenden. Sie zeigen, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden nicht nur von der materiellen Beschaffenheit der Unterkünfte abhängen, sondern auch psychosoziale Aspekte wie die Wahrung der Privatsphäre sowie Autonomie aber auch integrationsfördernde Aspekte Einfluss nehmen.

Unter anderen Umständen? - Heterogene Lebenskontexte geflüchteter Frauen rund um Schwangerschaft und Geburt

Die Bedeutung sozialer Determinanten von Gesundheit ist vielfach belegt, doch liegen wenige Studien vor, die wie die PROREF Studie, Erfahrungen geflüchteter Frauen rund um während Schwangerschaft und Geburt einbeziehen.

Die Sicht der Frauen wurde anhand von qualitativen Interviews mit 28 geflüchteten Frauen 2-9 Monate nach Geburt ihres Kindes in Erfahrung gebracht. Die Befragten lebten in Gemeinschaftsunterkünften sowie eigenen Wohnungen in Berlin, Brandenburg und NRW. Sie stammten aus 18 verschiedenen Ländern, darunter am häufigsten Syrien, Afghanistan sowie Nigeria, Eritrea und Kamerun. Die Interviews, die Fragen zur Lebenslage, zur gesundheitlichen Versorgung sowie zu Herausforderungen und Bewältigungsstrategien umfassten, wurden anhand der Framework-Analyse ausgewertet.

Gemeinsamkeiten der befragten Frauen sind weniger kulturelle oder persönliche Merkmale, als vielmehr kontextuelle Faktoren (z.B. Wohnsituation, Asylstatus, Ausgrenzung), die deren Gesundheit rund um Schwangerschaft und Geburt in hohem Maße beeinflussen. Soziale und gesundheitliche Ungleichheiten bzgl. einer angemessenen Versorgung zeichnen sich in vier Bereichen ab: (1) Wohnung vs. Gemeinschaftsunterkunft, (2) Stadt vs. Land, (3) sicherer vs. unsicherer Aufenthaltsstatus und (4) das Erleben von Othering aufgrund von Bildung, Religion, Herkunft sowie Sprache.

Die Gesundheitsinstitutionen werden den heterogenen Lebensumständen geflüchteter Frauen nur selten gerecht. Der Verzicht auf qualifizierte Sprachmittlung und Personalmangel v.a. im ländlichen Raum wirkt sich für geflüchtete Frauen besonders negativ aus.

Unterkunftsqualität und psychische Gesundheit

Mittels eines eigens entwickelten Verfalls-Index wurden 54 Gemeinschaftsunterkünfte (GU) bezüglich baulicher Schäden, Schmutz und Müllansammlung bewertet und im Mehrebenen-Modell auf Assoziationen mit schlechter psychischer Gesundheit untersucht. Die Hälfte aller BewohnerInnen leben in GUs mit (sehr) schlechter Qualität, welche mit höheren „Chancen“ für schlechte psychische Gesundheit einhergehen. Ein flächendeckendes Monitoring kann Früherkennung und Präventionsmaßnahmen ermöglichen.

Natürliches Experiment zum Einfluss sozio-ökonomischer Deprivation auf die Gesundheit Geflüchteter

Anhand von Daten des IAB-SOEP-BAMF-Panels wurde untersucht, inwiefern die Deprivation von Gemeinden mit der psychischen und körperlichen Gesundheit von Geflüchteten zusammenhängt. Mittels adjustierten Mehrebenen-Modellen konnte ermittelt werden, dass eine höhere Deprivation mit einer Verschlechterung der körperlichen Gesundheit und einer Verbesserung der psychischen Gesundheit einhergeht. Aspekte des sozialen Umfelds können diese Zusammenhänge nur teilweise erklären.

Themenfelder
  • Migration und Flucht
Sprecher*innen
Prof. Dr. Kayvan Bozorgmehr
Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Maren Hintermeier
Universitätsklinikum Heidelberg Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung
Eilin Rast
Universitätsklinikum Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung
Amir Mohsenpour
Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften; Nachwuchsnetzwerk Öffentliche Gesundh
Louise Biddle
Universitätsklinikum Heidelberg Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung
Martha Engelhardt
Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH)

Foto aus dem Lichthof an der TU Berlin

Foto: André Wagenzik