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22.03 - 24.03.2022
Dauer: 3 Tage
Virtuell
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Der Kongress Armut und Gesundheit schafft seit 1995 ein kontinuierliches Problembewusstsein für gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland. An drei Veranstaltungstagen tauschen sich Akteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Praxis und Selbsthilfe zu Themen gesundheitlicher Ungleichheit aus. Aktuelle Forschungsergebnisse werden ebenso diskutiert und vertieft wie neue Strategien, Lösungsansätze und Erfahrungen. Die vergangenen Kongresse haben bereits eine Vielzahl neuer Kooperationen auf den Weg gebracht und Entwicklungen und Diskussionen angestoßen.

Mit dem Engagement aller Akteur*innen und Teilnehmenden des Kongresses erfährt eine heterogene Gruppe von Menschen eine Lobby, die oftmals wenig Unterstützung erhält.

Kongressprogramm

Öffentliches Gesundheitsmanagement – Erfahrungen aus der Pandemie und Perspektiven für den ÖGD

H5 - Gesundheitsdienste I

16:00 - 17:30

Dem ÖGD und den Gesundheitsämtern kamen bei der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie eine Schlüsselfunktion zu. Die 7-Tage-Inzidenz lag in Neukölln deutlich höher als in den meisten Berliner Bezirken und anderen Landkreisen. In den 4 Infektionswellen zeigten die Daten jeweils eine Vorwegnahme der bundesdeutschen Trends. Das Gesundheitsamt entwickelte eine datengestützte Planung und Umsetzung des Versorgungsmanagements. Das Gesundheitsamt Frankfurt am Main kümmerte sich beispielhaft um den Schutz sozialer Einrichtungen mit einem Team, das sozialmedizinische und epidemiologische Expertise mit Fallbearbeitung verknüpfte.

Auf der Grundlage konkreter Erfahrungen des Pandemiemanagements reflektieren und diskutieren wir die Lehren und Schlussfolgerungen aus dem Corona-Geschehen: Pandemiekompetenz in der Bevölkerung sowie Strategien und Maßnahmen für ein Öffentliches Gesundheitsmanagement (ÖGM).

Drei Impulsvorträge:
1. Die Wellen der SARS-CoV-2-Pandemie im Berliner Bezirk Neukölln: Bedarfe, Maßnahmen und Erfahrungen.
2. Umsetzung des Infektionsschutzes in der SARS-CoV-2-Pandemie in sozialen Einrichtungen: Konzepte, Umsetzung und Erfahrungen aus Frankfurt am Main.
3. Pandemiekompetenz und Gesundheitsversorgung: Strategien und Perspektiven für ein Öffentliches Gesundheitsmanagement.

Welche Hilfen zur Nachverfolgung und zur Unterbrechung von Infektionsketten können das Selbstmanagement der betroffenen Menschen stärken und welche Strukturinnovationen und Strategien für ein Öffentliches Gesundheitsmanagement sind sinnvoll? Dazu suchen wir Antworten.

Die Wellen der SARS-CoV-2-Pandemie im Berliner Bezirk Neukölln

Die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie stellt eine andauernde Herausforderung für unser dreigliedriges Gesundheitssystem und für die gesamte Gesellschaft dar. Eine wesentliche Schlüsselfunktion in der Eindämmung des Infektionsgeschehens und der Protektion der Bevölkerung haben die kommunalen Gesundheitsämter. Neukölln gehört zu den Landkreisen mit der höchsten Bevölkerungszahl in Deutschland.

Der aus dem Neuköllner Gesundheitsamt zur Bekämpfung der SARS-CoV-2-Pandemie gebildete COVID-19-Pandemiestab erfasst und wertet im Rahmen seiner Aufgaben vielfältige Daten zu Falldynamik, Todesfällen, Hospitalisierungen, betroffenen Altersgruppen sowie zur kleinräumigen Verteilung des Fallgeschehens aus.

Von März 2020 bis August 2021 zählt der Bezirk Neukölln 22.495 Fälle und 245 Todesfälle, aufgeteilt auf nunmehr 4 Wellen. Dabei lag die 7-Tage-Inzidenz in Neukölln stets deutlich höher als in den meisten Berliner Bezirken sowie in anderen deutschen Landkreisen. In den 4 Infektionswellen zeigen die Neuköllner Daten jeweils eine Vorwegnahme des bundesdeutschen Inzidenztrends.

Die Betrachtung zeitlich-räumlicher Daten zum Pandemiegeschehen kann wesentlich dazu beitragen, die Dynamik der Pandemie zu verstehen und im Sinne eines Frühmonitorings zu nutzen. Durch ihre Nähe zur Bevölkerung stellen die örtlichen Gesundheitsämter hier eine unerlässliche Quelle sowie Interpretationshilfe dar. Auf diese Art können Bedarfe in bestimmten Bevölkerungsgruppen oder Umfeldern besser erfasst und Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zeitnäher umgesetzt werden.

Umsetzung des Infektionsschutzes in der SARS-CoV-2-Pandemie in sozialen Einrichtungen – Erfahrungen aus Frankfurt am Main

Zu Beginn der Pandemie wurde mit Fallhäufungen in sozialen Einrichtungen gerechnet. Das Gesundheitsamt Frankfurt am Main benannte daher ein Team, um die soziale Infrastruktur zu unterstützen, die Hygiene in Einrichtungen nach §36 IfSG zu verbessern und neben Infekti-onsschutzbelangen auch sozialmedizinische Aspekte zu berücksichtigen.

Das Team setzte sich aus Koordination mit sozialmedizinischer und epidemiologischer Expertise sowie aus Fallbearbeitung zusammen und wurde als Ansprechpartner für soziale Träger*innen sowie Betreiber*innen von kommunalen Unterkünften etabliert.
Für PCR-Testungen sowie COVID-19-Impfungen konnten mobile Teams beauftragt und positiv getestete Personen und Kontaktpersonen bei fehlender Absonderungsmöglichkeit untergebracht werden. Reihentestungen waren im Ausbruchsfall ein wichtiges Instrument, um zeitnah angemessene Maßnahmen einzuleiten.
In regelmäßigen Telefonkonferenzen mit sozialen Träger*innen wurden wichtige Infektionsschutzthemen identifiziert und zielgruppenspezifische Lösungen entwickelt.

Bis August 2020 stand die Beratung zu Hygiene im Vordergrund; ab Oktober 2021 die Kon-taktpersonennachverfolgung und das Ausbruchsmanagement in Gemeinschaftseinrichtungen nach §36 IfSG. Ab Februar 2021 kam die Organisation mobiler Impfungen hinzu.

Durch Handlungsanleitungen und Beratung, z. T. vor Ort, wurden die sozialen Einrichtungen bei der Pandemiebewältigung unterstützt. Trotzdem stellen unklare Verantwortlichkeiten und eingeschränkte Räumlichkeiten große Hürden bei der Umsetzung des Infektionsschutzes in Gemeinschaftseinrichtungen dar. Eine weitere Herausforderung besteht im oftmals eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Pandemiekompetenz und Gesundheitsversorgung

Gesundheitskompetente Bürger*innen sind die wichtigsten Akteure bei der Bewältigung einer Pandemie. Pandemiekompetenz als ein Teil der Gesundheitskompetenz ermöglicht den Menschen, Infektionsrisiken im persönlichen Leben, privat und öffentlich, am Arbeitsplatz und in der Lebenswelt weitestgehend selbst zu managen. Dazu benötigen sie Risikowissen, Instrumente für das Risikomanagement in den jeweiligen Lebenswelten und geeignete Hilfen zur Nachverfolgung und zur Unterbrechung von Infektionsketten.

"Das Virus ist nichts, der betroffene Mensch und seine Lebenswelt sind alles" beschreibt die Erkenntnisse der Medizin im Umgang mit Infektionskrankheiten. Die Verhältnisse in den Lebenswelten, die jeweiligen Abwehrkräfte und Resilienzen sind ebenso bedeutsam wie der Krankheitserreger selbst. Die Covid-19 Krankheit ist von sozialen Determinanten geprägt: Armut, Migrationshintergrund und Lebenswelten wie Pflegeheime oder Betriebe mit hohem Stresspotential.

Ziel ist es, möglichst wenig Infektionen zu erreichen. Die Menschen müssen in ihren Lebenswelten das Risiko selbst steuern können. Zielgerichtete subsidiäre Aktivitäten sind wichtiger als zentrale Vorschriften. Pandemiebewältigung können Gesundheitsämter und staatliche Organe nicht für die Menschen, sondern nur mit ihnen sicherstellen.

Pandemiekompetenz benötigt eine systematische und nachhaltige Qualifizierung von Fallmanagern, die das Selbstmanagement der betroffenen Menschen optimal unterstützen können. Es geht dabei um ganzheitliche Sichtweisen, sinnvolle Bewältigungsstrategien und kontinuierliche Handlungsfähigkeit. Die notwendige Neuorientierung der Gesundheitsversorgung muss Ängste minimieren und die individuelle wie soziale Resilienz stärken.

Themenfelder
  • Kommune
Sprecher*innen
Sarah Friethoff
Kommunales Integrationszentrum Kreis Gütersloh
Lena Plamp
Bezirksamt Neukölln
Dr. Silke Feller
Bezirksamt Neukölln von Berlin
Alexandra Sarah Lang
Gesundheitsamt Frankfurt am Main
Dr. Ellis E. Huber
Berufsverband der Präventologen e. V., Parität Berlin e.V.

Foto aus dem Lichthof an der TU Berlin

Foto: André Wagenzik